ARTIKEL

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Mein Rollstuhl - meine Mobilität
Rollstuhlversorgung bei Kindern und Jugendlichen mit Spina bifida
Artikel von Ute Herzog

TERMIN

11. / 12. November 2017 Köln
Fortbildung Rollstuhlversorgung und Mobilitätsförderung
Fortbildung

Mein Rollstuhl - Meine Mobilität

Rollstuhlversorgung bei Kindern und Jugendlichen
mit Spina bifida

Sichtweise Rollstuhl

Das gesellschaftliche Bild des Rollstuhls ist nach wie vor geprägt von einem Stigma des Nicht-mehr-könnens. Ausdrücke wie „an den Rollstuhl gefesselt“ verdeutlichen und verstärken dieses Denken. Die Meinung, dass man sich als Nichtbehinderter nicht in den Rollstuhl setzen darf, oder die Aussage einer Mutter, deren Kind gerne mal in dem Rollstuhl der Schwester fahren möchte: „Ein Kind im Rollstuhl reicht mir!“, lassen erkennen, dass landläufig allein das Ausprobieren eines Rollstuhls ein schlechtes Omen bedeutet.
Auch das späte Verordnen des Rollstuhls, erst wenn der Nutzer gar nicht mehr gehen kann, zeigt deutlich, dass der Rollstuhl nicht als das gesehen wird, was er eigentlich ist, nämlich ein pfiffiges Fortbewegungsgerät, sondern eher drohend wie ein Damoklesschwert über einem hängt.

Die Meinung, dass durch eine zu frühe Rollstuhlversorgung die Kinder zu faul würden, um das Laufen zu erlernen, ist weit verbreitet. Unserer Erfahrung nach werden die Kinder, die sehr spät ein aktives Fortbewegungsmittel bekommen und das Laufen lernen müssen, obwohl sie ohne Hilfsmittel wie Schienen, Stützen und Gehwagen nicht laufen können und auch mit den Hilfen nur sehr langsam von der Stelle kommen, eher bewegungsfaul. Sie erleben Fortbewegung als etwas sehr Anstrengendes und sehr Mühsames, ohne ein direktes Ziel erreichen zu können. Mit einer vielleicht sogar vagen Perspektive in entfernter Zukunft, nämlich das freie Gehen als Fortbewegung, das für sie in der Regel nicht realistisch ist.

Kinder, die früh erleben, dass sie relativ leicht dorthin gelangen können, wo sie hin möchten, erleben Fortbewegung als etwas Positives, es dient zur Erreichung ihrer Ziele.
Sie können die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Ihr natürlicher Bewegungsdrang kann sich weiterentwickeln und wird nicht gedämpft. Sie werden, wenn sie an Wege kommen, die sie mit Rollstuhl nicht so gut bewältigen können (z.B. eine Wiese) von sich aus das Laufen üben wollen, sofern es ihnen möglich ist. Einige nehmen dann den Rolli als Gehhilfe.
Ein Gleichnis: Wenn wir, um uns ein Buch, eine Tasse Kaffee oder irgend etwas anderes zu holen, jedes Mal in den 5. Stock gehen müssten, würden wir uns diesen Schritt jedes Mal überlegen und zumeist doch lieber weniger lesen, keinen Kaffe trinken oder jemanden bitten uns zu bedienen. Es sei denn, es gibt einen Aufzug, der uns etwas müheloser dorthin bringt. Für die Sachen im 1. Stock würden wir dann auch mal gehen.

Aus unserer Erfahrung, in der wir viele Kinder mit den unterschiedlichsten Versorgungen über einen langen Zeitraum beobachten konnten, erhöht die frühe Versorgung mit einem gut angepassten Rollstuhl langfristig die Mobilität und auch die Aktivität. Eine anderes Vorurteil über den Rollstuhl ist, dass derjenige, der Rollstuhl fährt, keine anderen Möglichkeiten mehr zur Verfügung hat.
Dabei ist der Rollstuhl nur ein Fortbewegungsmittel neben anderen. Und ein Kind sollte viele verschiedene Bewegungserfahrungen machen können. Aus den Erfahrungen mit Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Behinderung haben wir gelernt, dass eine frühestmögliche Rollstuhlversorgung gerade für Kinder mit Spina bifida von unschätzbarem Wert für die Entwicklung ihrer Mobilität und damit auch für ihre gesamte Persönlichkeitsentwicklung ist. Innerhalb der Wohnung kann sich bereits ein 1- bis 2-jähriges Kind mit entsprechend kleinem Rollstuhl oder anderem Fahrgerät, dass es selbst bedienen kann, gut und sicher fortbewegen und alleine dorthin gelangen, wo es hin möchte, um Erfahrungen zu sammeln und zu begreifen.
Außerhalb der Wohnung ist es für Kinder spätestens im Kindergartenalter sinnvoll, statt des immer größer werdenden Buggys einen Rollstuhl zu nehmen. Selbst wenn es viel geschoben wird, kann es dennoch immer wieder kleine Strecken selbst bewältigen.

Fazit

So lehren uns die Kinder durch ihr Verhalten, uns von Vorurteilen zu lösen und genau hinzusehen, wenn wir wissen möchten, was gut und wichtig für die Kinder in ihrer Entwicklung ist.

Die Kinder können den Rollstuhl am ehesten vorurteilsfrei annehmen. Sie sind stolz auf ihren eigenen Rollstuhl, ganz besonders, wenn er nach ihren Wünschen farblich gestaltet ist.

Sie werden alle Fortbewegungsarten, die sie sinnvoll nutzen können, mit Freude annehmen, sofern sie nicht von ihrem Umfeld in ihrem natürlichen Bewegungsdrang zusätzlich gehemmt werden, und wir unsere Bewegungsvorstellungen nicht auf sie projizieren.